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Seit einiger Zeit schreibe ich regemäßig Kurzgeschichten für das Essener Frauenmagazin Trallafitshi. Da nicht alle Leser/-innen die Möglichkeit haben, ein Exemplar zu bekommen, habe ich mich entschlossen, die Geschichten hier zugänglich zu machen. Jeweils bei Veröffentlichung des aktuellen Magazins wird die Vorgängergeschichte auf dieser Seite veröffentlicht.

Hinweis! Alle Rechte an den veröffentlichten Kurzgeschichten liegen bei Claire Ogro. Abdrucke der Geschichten oder Auszügen davon bedürfen der ausdrücklichen, schriftlichen Genehmigung der Autorin!
 


     Trallafitshi - das Frauenmagazin, Ausgabe 09/2009

                                     Nach dem Weltuntergang

    

Nach dem Weltuntergang

© Claire Ogro, März 2009


     Hella schaute kurz über den Tresen ihrer Strandbar hinaus auf den türkisfarbenen Atlantik. Sie atmete tief die frische Meerluft ein. Naja, so ganz frisch war sie hier im Innern der Strandbar nicht. Eigentlich konnte man es auch nicht Bar nennen, sondern eher Strandbude. Es roch nach Bier, Sangria, Knoblauch und Fisch. Außerdem war es ziemlich heiß. Der Ventilator machte zwar etwas Wind, brachte aber kaum Kühlung. Viel Zeit hatte sie nicht, um über die genaue Zusammensetzung der Gerüche oder die Hitze nachzudenken, da man nach ihr verlangte.

     „Tres grande cerveza et dos platos de paella, Hella“, rief Carlos, einer ihrer Angestellten, ihr zu. Hella sagte dem Koch Bescheid, der im abgetrennten Küchenbereich arbeitete und sie selbst bediente den Zapfhahn. Es gab heute recht viel zu tun. Die Tische vor der Bar waren komplett besetzt. Die Liegen am Strand waren so ziemlich alle belegt und viele Urlauber flanierten am Wasser. Nach zwei Tagen Sturm, der um diese Jahreszeit hier nicht selten war - es war immerhin Ende Oktober - strahlte die Sonne heute wieder mit den Touristen um die Wette. Hella konnte das nur recht sein. Schließlich war es gut für das Geschäft.

     Sie und ihr Mann Miguel hatten die Strandbude und noch ein kleines Restaurant an der Strandpromenade hier auf Fuerteventura. Eigentlich war Hella nur die Aushilfe, auch wenn die Strandbar ihren Namen trug. Ihr Mann hatte das so gewollt. Hella war eigentlich Künstlerin und hatte sich auch schon einen richtigen Namen auf den Kanaren gemacht. Ihre Bilder hingen in vielen Banken und Restaurants. Häufig bekam sie auch Aufträge von Hotelmanagern. Inzwischen hätten sie allein von ihrer Kunst leben können. Doch Miguel liebte seine Bar und sein Restaurant, aber vor allem wollte er nicht von ihr abhängig sein. Sie konnte ihn nur zu gut verstehen.

     Abhängig war sie auch vor ihrem persönlichen Weltuntergang - abhängig von ihrem Ex-Mann. Hella hatte ihren Ex an der Uni kennengelernt. Sie studierte Kunstwissenschaften und er Architektur. Um ihre Studentenbude zu finanzieren, gab sie Kurse in Maltechniken an der Uni. Einen dieser Kurse besuchte Josef. Schnell zogen sie zusammen, weil man so Geld sparen konnte - meinte er. Kurz darauf wurde geheiratet und sie wurde schwanger. Es war selbstverständlich, dass sie ihr Studium aufzugeben hatte. In Josefs Augen war Malerei sowieso nur brotlose Kunst und taugte maximal zum Hobby, während sein Architekturstudium natürlich sehr wichtig war. Naiv, wie sie damals war, machte sie alles so, wie man es von ihr verlangte. So wurde sie liebende Ehefrau und Mutter von zwei Kindern. Sie zweifelte zwar hin und wieder an der klassischen Rollenverteilung, aber immer wenn sie etwas dagegen einwandte, wurde ihr vorgeworfen, sie sei undankbar, denn schließlich hätte sie doch alles, wovon andere Frauen träumen würden: einen erfolgreichen Ehemann, entzückende Kinder, ein tolles Haus, schicke Klamotten und einen Zweitwagen, den andere gern als Erstgefährt hätten. Im Laufe der Jahre stumpfte sie innerlich ab und bildete sich letztlich sogar ein, dass sie es gut getroffen hätte und glücklich wäre. Sie gaukelte sich selbst eine heile Welt vor, bis ...

     Bis zu dem Tag, an dem sie die Hosentaschen ihres Mannes leerte, die er bei einem Kongress trug, weil sie diese zur Reinigung bringen wollte. Auf dem Zettel, den sie fand, stand nicht viel, nur die paar Worte, die ihre heile Welt zusammenstürzen ließen: Liebster Josef! Freue mich schon auf nachher, wenn wir endlich allein sind. Deine wilde Ruth.

     Als Hella ihren Mann zur Rede stellte, machte er sich noch nicht einmal die Mühe, zu leugnen. Sie solle sich nicht so anstellen! So etwas gäbe es schließlich in den besten Familien. Außerdem sollte sie ehrlich zu sich selbst sein, die Attraktivste wäre sie schließlich auch nicht mehr, was nicht heißen sollte, dass er sie nicht mehr lieben würde, schließlich war sie die Mutter seiner Kinder, aber er bräuchte auch etwas fürs Bett. Er gab sogar zu, dass das Verhältnis schon seit drei Jahren andauerte. Hella war es, als hätte sie der Blitz getroffen! So sah er sie also nach 28 Jahren Ehe! Sie war für ihn nur die Mutter seiner Kinder und die Ehefrau an seiner Seite für offizielle Anlässe, aber das war es dann auch. Hella packte noch am selben Abend ihre Sachen und zog in ein Hotel. Etwas Besseres war ihr in dem Moment nicht eingefallen. Sie war viel zu konfus, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Das Schlimmste war, das sie auch noch die Schuld bei sich suchte. Ständig fragte sie sich, was sie hätte besser machen können. Das Telefonat mit ihrer Mutter verbesserte ihre Situation auch nicht. Ihre Mutter war der Auffassung, dass sie die „Sache“ nicht so hochspielen sollte, denn schließlich wäre die Frau zum größten Teil daran schuld, wenn der Mann fremdging. Sie sollte gefälligst zu ihm und den Kindern zurückkehren, denn die Ärmsten könnten ja am wenigsten dazu; sich etwas Teures von seinem Geld kaufen und den Seitensprung vergessen. Ihre Mutter war ihr noch nie so fremd wie in diesem Moment. Nach dem Gespräch war sie noch verwirrter als zuvor. Sie plünderte die Minibar und ließ sich noch eine Flasche teuren Rotwein auf ihr Zimmer bringen. Irgendwann brachte der Alkohol dann seine gewünschte Wirkung und sie schlief ein. Nach einer unruhigen Nacht wachte sie morgens wie gerädert auf. Die fremde Umgebung machte ihr schlagartig klar, dass sie nicht nur schlecht geträumt hatte. Sie fragte sich, was sie jetzt tun sollte. Da fiel ihr der Name einer Bekannten von der Wassergymnastik ein, die seit Kurzem selbst erst geschieden war. Sie kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Adressbuch und rief sie an. Rosie war sofort zur Stelle. Hella heulte sich hemmungslos bei ihr aus, dann hörte sie sich Rosies Ratschläge an. Rosie meinte, sie sollte sich erst einmal beruhigen und dann darüber nachdenken, was sie für sich wollte, ob sie ihren Mann so lieben würde, dass sie ihm verzeihen könnte oder ob ihr Vertrauen unwiderruflich zerstört sei. Auf jeden Fall sollte sie vorerst Abstand halten, um einen klaren Kopf zu bekommen.

     Nachdem Hella einige Tage im Hotel verbracht und mehrere Gespräche mit ihrem Mann, ihrer Mutter und ihren Kindern geführt hatte, kam sie zu dem Entschluss, dass es alles keinen Sinn mehr hatte. Selbst ihr Sohn und ihre Tochter, 27 und 24 Jahre alt, hielten zum Vater. Für Rosie war das keine große Überraschung, da ihr Vater ihnen finanzielle Sicherheit bieten konnte, während Hella ihnen so gut wie nichts bieten konnte. Hella war so wütend und enttäuscht, dass sie die Krallen ausfuhr. Sie nahm sich den Scheidungsanwalt, den Rosie ihr empfohlen hatte und der boxte bei der Scheidung einiges für sie durch. Es wurde nicht billig für ihren Gatten, zumal es keinen Ehevertrag gab. Bei ihren Kindern und ihrer Mutter fiel sie dadurch natürlich in Ungnade, aber das kümmerte sie herzlich wenig.

     Nach ihrer Scheidung machte sie erst einmal mit Rosie zusammen Urlaub auf Fuerteventura. Die wiedergewonnene Freiheit feiern, wie sie es nannten. Hella liebte die Sonne, den Strand und das Meer. Sie lebte regelrecht auf. Eines abends, das Buffet in ihrem Hotel hing ihnen inzwischen zum Halse raus, landeten die zwei in Miguels Restaurant. Nach dem Essen setzten sie sich noch an die Bar, um einen Absacker zu trinken und so kamen sie ins Gespräch. Hella gefiel Miguels höfliche und zuvorkommende Art. Zuerst war es für sie nur ein Urlaubsflirt, der ihrem angeknacksten Ego gut tat. Wieder daheim merkte sie aber, dass sie mehr für ihn empfand. Ihm ging es offensichtlich genauso und so telefonierten sie jeden Abend. Schon nach kurzer Zeit entschloss sich Hella, ganz nach Fuerteventura zu gehen und ein neues Leben mit Miguel zu beginnen. Ihre Kinder, ihr Ex und ihre Mutter schrien Zeter und Mordio, aber das interessierte Hella nicht im Geringsten. Ihre Entscheidung stand fest! Sollte die neue Beziehung schiefgehen, dann hatte sie eben Pech. Das Gleiche konnte ihr auch in Deutschland passieren. Rosie bestärkte sie in ihrer Entscheidung, obwohl sie schon etwas traurig war, dass die Freundin nun so weit weg war.

     Das Ganze war jetzt zehn Jahre her und sie war noch nie so glücklich und zufrieden in ihrem Leben. Sie und Miguel hatten geheiratet. Hellas Mutter war vor vier Jahren gestorben, richtig ausgesöhnt hatten sie sich nie. Ihre Kinder hingegen, die inzwischen eigene Familien hatten, besuchten sie und Miguel sogar und waren auch bei der Hochzeit anwesend. Sie gönnten Hella ihr neues Glück. Zu ihrem Ex-Mann hatte sie nur noch Kontakt, wenn es der Kinder zuliebe sein musste.

     Hella konzentrierte ihre Gedanken wieder auf ihre Arbeit und machte das bestellte Bier fertig. Sie blickte hoch und suchte Carlos. Ihr Blick hielt kurz bei dem bunten Treiben am Strand inne und Hella musste sich eingestehen, dass sich ihr Leben nach dem „Weltuntergang“ nicht nur einfach verbessert, sondern erst begonnen hatte.




     Trallafitshi - das Frauenmagazin, Ausgabe 11/2009

                           Das Katz-und-Mensch-Spiel

Das Katz-und-Mensch-Spiel

© Claire Ogro, September 2009


     Manch Zeitgenosse ist so naiv zu glauben, dass das Spiel eine Erfindung der Menschen sei. Weit gefehlt! Wir – eure, ach so kuscheligen, lieben und doch so mysteriösen Vierbeiner –  sind die wahren Erfinder. Eigentlich haben wir es auch nicht erfunden, sondern es wurde uns in die Wiege gelegt, aber wir haben es perfektioniert und das schon vor langer, langer Zeit ...

     Betrachtet man den geschichtlichen Werdegang der Katzen vom Kammerjäger zum Liebling der Herzen, so ist die Geschichte geprägt von absoluten Höhen bis hin zu schlimmen Tiefpunkten. Als wir, die Katzen, uns entschlossen den Mensch als Untertan zu akzeptieren, haben wir das ursprüngliche Katz-und-Maus-Spiel in das Katz-und-Mensch-Spiel abgewandelt. Der Mensch als Untertan werden sich manche ungläubig fragen? Ja, es soll tatsächlich noch Zeitgenossen geben, die ihren Platz in der Hierarchie anzweifeln. Aber gut, jene, die uns Katzen kennen, wissen es besser.

      Als wir uns vor tausenden von Jahren entschlossen, eine Zweckgemeinschaft – natürlich zu unserem Vorteil – mit dem Menschen einzugehen, fingen wir an, gekonnt mit den Menschen zu spielen. Was wir bis heute tun! Es gab zwar Zeiten, in denen wir es nicht so einfach hatten, da wir verteufelt wurden, jedoch zum größten Teil wurden wir vergöttert. Aber das Ganze der Reihe nach ...

      Die alten Ägypter waren von denen, mit den wir spielten, die ersten, die es für die Nachwelt festhielten. Geschickt starteten wir unseren Siegeszug in ihren Kornkammer als Schädlingsbekämpfer. Später schafften wir den Einzug über ihre Herzen in ihre Schlafzimmer bis hin zu ihren Tempeln. Unser geheimnisvolles Wesen, die Art wie wir mit unseren Feinden umgehen – als wäre das Töten einfach nur ein leichtes Spiel –, unser unergründlicher Blick und nicht zu vergessen, unsere Eleganz und unsere anschmiegsame Natur, um nur einige unserer Vorzüge zu nennen, erleichterten uns die Sache natürlich ungemein. Wir waren und sind etwas Besonderes! Nicht umsonst fanden wir Verehrung in Gestalt der Katzengöttin Bastet. Obwohl es zu damaligen Zeiten strengstens verboten war, uns aus Ägypten mitzunehmen, schafften wir es über den Seeweg, die Welt zu erobern. So kamen wir auch nach China. Die alten Chinesen glaubten, dass nur der Mensch und die Katze eine Seele besäßen. In ihren Tempeln waren wir ebenfalls mehr als willkommen. Ebenso wie als Beschützer ihrer wertvollen Seidenraupenzüchtungen.

     Im Mittelalter wurden uns diese Besonderheit allerdings zum Verhängnis. Der Aberglaube bestimmte das menschliche Denken. Wir Katzen galten als dämonisch und unglücksbringend. Wir wurden sogar mit Hexen und dem Teufel in Verbindung gebracht. Dies alles nur, weil die Menschheit zu der Zeit nichts akzeptieren konnte, was unergründlich war. Die Borniertheit der Menschen ging so weit, dass sie allen Ernstes glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Hätten sie mal uns Katzen gefragt! Wir wussten es damals schon besser. Das war eine dunkle Zeit, in der unzählige unserer Artgenossen auf grausame Weise umkamen. Aber die Menschen machten seinerzeit auch nicht vor ihresgleichen halt. Es war eine schlimme Epoche und dies nicht nur für Katzen! Dennoch hatten wir auch dazumal Anhänger, obwohl es als Gotteslästerung galt, gab es Menschen, die nicht auf uns verzichten wollten. Wer kann auch einem so reizenden Spielkameraden widerstehen?

     Wie das Leben aber so spielt, änderten sich die Zeiten und wir Katzen waren auf‘s Neue geachtet. Erst wurden wir wieder als Nutztiere und wertvolle Jäger angesehen – ja, es gab sogar Zeiten, da waren wir fast so kostbar wie eine Kuh –, später dann erneut als Heimtiere. Unser Siegeszug in die Haushalte der Menschen war stetig und unaufhaltsam. Zusammen mit den Hunden sind wir heute der Menschen liebste Weggefährten. Mal stehen die Hunde auf der Beliebtheitsskala ganz oben, dann wieder wir. Inzwischen werden uns neben unserer anderen Vorzüge sogar medizinische und therapeutische Fähigkeiten nachgesagt. Dennoch halten sich auch Gerüchte über uns, zum Beispiel, dass es Unglück bringen würde, wenn eine schwarze Katze den Weg von links kreuzt. Alles Aberglaube! Die Einstellung uns gegenüber ist nach wie vor zwiespältig, die Wertschätzung überwiegt dann allerdings. Diese Zwiespältigkeit beruht auf der Tatsache, dass wir in dem langen Zusammenleben mit dem Menschen mehr als andere Tiere unsere Selbständigkeit bewahrt haben. Manche behaupten gar, wir wären nicht erziehbar. Das ist Unfug! Wir Katzen haben uns sogar das Miauen angewöhnt, um mit dem Menschen kommunizieren zu können. Für den Umgang mit unseresgleichen bräuchten wir es nicht. Wir gehorchen, wenn wir einen Vorteil daraus ziehen können. Und genau dies ist ein Teil des Katz-und-Mensch-Spiels. Wir spielen mit, aber bestimmen die Regeln. Wir sind Spieler und Spielleiter in einem. Unser Talent zum Spiel ist angeboren und in unserem Jagdinstinkt begründet. Wir wissen von Natur aus zu bluffen und zu manipulieren, mehr als es je ein Mensch erlernen könnte. Selbst die Wissenschaft hat sich die größte Mühe gegeben, uns und unsere Mimik zu entschlüsseln. Ein klein wenig gaben wir preis – schließlich wollen wir bis zu einem gewissen Grad verstanden werden – , aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Durch unseren als putzig empfundenen Spieltrieb verschleiern wir unsere Raubtiernatur. Wenn wir jagen, sieht es aus wie ein Spiel. Unser Leben ist ein einziges Spiel, ob mit unseren Menschen oder mit unserer Beute. Das Spiel hat eine uralte Tradition!

      Wer glaubt, wir hätten uns allein in der Geschichte einen Namen gemacht, der täuscht sich. Unbeirrt nahmen wir auch Einzug in Kunst und Literatur. Ein weiteres Zeichen für das Katz-und-Mensch-Spiel. Wir bewegen und inspirieren den Menschen so sehr, dass er das Bedürfnis hat, dies zu manifestieren und zu kommunizieren. Berühmte Geister erkannten bereits, dass Hunde Herrchen bräuchten; Katzen hingegen Personal. Nicht umsonst beschreiben sich Zweibeiner auch gelegentlich als „Futterknechte“, „Katzenkloreiniger“ oder „Dosenöffner“. Diese haben das Spiel verstanden. Das Katz-und-Mensch-Spiel ist eigentlich ein schönes Spiel, von dem –  im Idealfall –  beide Seiten profitieren. Wir, weil wir umsorgt werden und der Mensch, weil ihm ein kleiner „Despot“ gnädig zugetan ist. Auch wenn das Spiel uralt ist, so gibt es immer wieder Modifizierungen. Wir sind eben anpassungsfähig! Waren unsere Spielzeuge in der Frühzeit eher primitiv, sind sie heute zum Teil hightech; denn es ist schon ein Heidenspaß hinter einem roten Laserpunkt herzujagen. Andere Spiele sind fast gleich geblieben, wie etwa das „Du darfst mich anfassen, wenn du mir Futter gibst-Spiel“. Wir locken die Zweibeiner zwar nicht mehr zur Feuerstelle, aber dafür Richtung Kühlschrank. Das Katz-und-Mensch-Spiel ist ein Spiel, das nie langweilig wird und sich bis ins Unendliche verlängern lässt – in immer neuen Variationen.
Spielt mit uns und Ihr könnt nur gewinnen, wir aber auch ...



     Trallafitshi - das Frauenmagazin, Ausgabe 07/08/2010


                                               Wo ist Nina?

Wo ist Nina?

© Claire Ogro, Juli 2010

     Die Schulglocke läutete. Für Nina war die Schule heute aus. Sie packte ihre Sachen in den Ranzen und schlenderte aus der Klasse. Sie hatte keine große Eile, denn daheim erartete sie – wie fast jeden Tag – niemand. Manchmal fand sie ihr Leben als „Schlüsselkind“ ganz gut, da sie dadurch schon viel selbständiger war als ihre Klassenkameraden, aber manchmal tat es ihr auch weh, wenn diese von den Müttern oder Vätern abgeholt wurden und noch Unternehmungen machten, auch wenn es sich nur um schnöde Einkäufe handelte. Nina ging nachdenklich heim.

     „Hallo, Nina! Schule aus?“, fragte Frau Jacobi.
Frau Jacobi war ihre direkte Nachbarin in der Reihenhaussiedlung und quasi, wenn auch inoffiziell, so etwas wie eine Tagesmutter für Nina. Im Laufe der Zeit war sie aber auch zu einer ganz wichtigen Bezugsperson für Nina geworden, der sie sich gern anvertraute. Immer, wenn ihre Eltern nicht da waren, weil sie beruflich oder freizeitmäßig mal wieder sehr eingespannt waren und Nina jemanden zum Reden brauchte, wandte sie sich an Frau Jacobi.
„Ja, Frau Jacobi, für heute ist die Schule aus“, antwortete Nina.
„Dann machst du jetzt bestimmt deine Hausaufgaben?“ –
„Ja, aber das ist nicht so viel. Ich bin doch erst in der zweiten Klasse!“, erwiderte Nina und schloss die Tür zu ihrem Elternhaus auf.
„Armes Kind!“, dachte Frau Jacobi kopfschüttelnd. „Wie können Eltern nur derart selbstsüchtig sein und ein so reizendes Kind permanent vernachlässigen? Das soll verstehen, wer will! Ich tue es nicht! Zu meiner Zeit hat es so etwas noch nicht gegeben.“

     „Hi, Simone! Bin heute spät dran. Die Besprechung hat mal wieder länger gedauert. Ich hoffe, du bist nicht böse“, begrüßte Rainer seine Frau.
„Nicht böse?! Du bist gut! Du wusstest doch ganz genau, dass ich gleich mein Einzel spielen muss, zu dem mich die Elli herausgefordert hat“, fauchte Simone.
„Ist das heute? Verdammt! Das hatte ich ganz verschwitzt. Ich habe mich mit Lars zum Radfahren verabredet. Der Triathlon ist doch schon in zwei Monaten“, erwiderte Rainer.
„Super! Soll ich jetzt etwa verzichten und in der Rangliste abrutschen, damit du trainieren kannst?“ –
„Nein, natürlich nicht! Meinst du nicht auch, dass Nina alt genug ist, um auf sich selbst aufzupassen? Zur Not ist ja auch noch die alte Frau Jacobi da. Die beiden verstehen sich doch prima. Gegen neun bin ich bestimmt wieder zurück und bringe sie dann ins Bett. Dann hast du noch genug Zeit, um deinen Sieg zu feiern“, schlug Rainer vor und gab seiner Frau einen Versöhnungskuss auf die Wange.
„Naja, im Prinzip ginge das schon, aber irgendwie habe ich auch ein schlechtes Gewissen dabei. Nina ist erst neun und eh schon fast den ganzen Tag allein Zuhaus“, gab Simone zu bedenken und packte weiter ihre Tennistasche.
„Das stimmt zwar, aber bisher hat es ihr doch auch nichts ausgemacht. Unsere Süße weiß sich schon zu beschäftigen und am Wochenende gehen wir mit ihr ins Einkaufszentrum. Da darf sie sich dann etwas Tolles aussuchen“, lenkte Rainer ein.
„Okay, da freut sie sich bestimmt drüber. Außerdem kann ich dann auch gleich nach einem neuen Tennisdress gucken. Die Elli tritt heute wahrscheinlich wieder in den neuesten Klamotten an“, bemerkte Simone noch, bevor sie entschwand.

     Nina hatte das Gespräch ihrer Eltern unfreiwillig mitgehört. Einerseits freute sie sich auf das Geschenk, denn sie wusste, dass ihre Eltern in solchen Momenten immer besonders großzügig waren, andererseits hielt sich ihre Vorfreude in Grenzen, da es auch leicht wieder anders ausgehen konnte, wenn ihren Eltern plötzlich Termine dazwischen kamen. Nina fühlte sich mit einem Mal schrecklich einsam und verlassen. Die meisten anderen Kinder hatten Eltern, die sich um sie kümmerten, mit ihnen Hausaufgaben machten und etwas mit ihnen unternahmen. Warum waren ihre Eltern so anders? Lag es an ihr? Nachdenklich öffnete Nina die Terassentür und setzte sich auf einen der Gartenstühle.

     „Nina, was ist mit dir? Du siehst so traurig aus“, schreckte eine Stimme sie aus ihren Gedanken auf.
„Hallo, Frau Jacobi! Bin ich eigentlich so ein schreckliches Kind?“, fragte Nina sie ganz unvermittelt.
Frau Jacobi wurde bleich und entgegnete ganz entsetzt: „Nein, Nina, das bist du ganz und gar nicht! Wie kommst du denn auf den Unsinn? Möchtest du zu mir rüberkommen und über alles reden?“ –
„Ja!“

     Nina ging also rüber zu ihrer fürsorglichen Freundin und erzählte dieser ihren ganzen Kummer sowie von dem Gespräch ihrer Eltern, das sie mitangehört hatte und wie sich die Eltern ihrer Klassenkameraden verhielten. Sie schloss ihre Ausführungen mit Tränen in den Augen und den Worten: „Ach, Frau Jacobi, ich möchte doch keine teuren Geschenke. Mir würde es reichen, wenn Mama und Papa mal ein wenig mehr Zeit für mich hätten. Vielleicht haben sie mich ja auch nicht so lieb wie andere Eltern ihre Kinder. Warum bekommen Erwachsene eigentlich Kinder, wenn die dann doch nur im Weg sind?“
Frau Jacobi, die die ganze Zeit nur aufmerksam zugehört und hin und wieder mal leise geseufzt hatte, musste jetzt heftig schlucken und ihre eigenen Tränen unterdrücken. Dieses kleine Mädchen tat ihr im Moment unendlich leid. Während sie die weinende Nina im Arm hielt und zu trösten versuchte, musste sie an die Zeit zurückdenken, als ihre beiden Kinder in Ninas Alter waren. Ihr Mann – Gott habe ihn seelig! – war zwar der Haupternährer der Familie, aber damit sie sich ein paar Extras leisten konnten, ging sie abends putzen, wenn die Kinder im Bett waren. Nebenbei machte sie auch noch Näharbeiten. Es war aber stets sichergestellt, dass ein Elternteil bei den Kindern war. Der Sonntag war ein absolutes Tabu. Der war zum Familientag erklärt worden. Morgens wurde gemeinsam ausgiebig gefrühstückt und danach etwas unternommen. Auf einmal wurde Frau Jacobi bewusst, dass ihre Kinder dieses Ritual übernommen hatten, was sie mit Stolz erfüllte. In dem Moment kam ihr der geniale Einfall, wie man dem Würmchen in ihrem Arm helfen könnte.
„Nina“, begann sie, „wir müssen deinen Eltern mal ganz deutlich zu verstehen geben, dass eine Familie keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe da eine Idee und du bist der Schlüssel dazu. Komm mit in die Küche. Ich mache uns etwas zu essen und erkläre dir meinen Plan ...“

     Einige Tage später kamen Ninas Eltern fast zeitgleich am späten Nachmittag von der Arbeit zurück. Sie riefen Nina, aber sie kam nicht.
„Wahrscheinlich ist sie noch bei einer Freundin oder bei Frau Jacobi. Ich bereite schon einmal das Abendessen vor“, beurteilte Simone die Situation.
„Ja, wahrscheinlich. Was gibt es denn“, fragte Rainer.
„Ich habe aus dem Supermarkt so ein chinesisches Fertiggericht mitgebracht.“ –
„Hoffentlich nicht das, was Nina wegen der vielen Schoten nicht mag.“ –
„Nina soll nicht so wählerisch sein. Sie hat schon das Leben einer Prinzessin. Andere Kinder haben gar nichts zu essen und wären froh!“, erwiderte Simone leicht genervt.

     Das Essen war fertig, aber Nina immer noch nicht aufgetaucht. Simone war jetzt ärgerlich über ihre unpünktliche Tochter und griff nach dem Telefon. Zuerst rief sie bei den Eltern ihrer Freundinnen an, allerdings ohne Erfolg. Schließlich erkundigte sie sich bei Frau Jacobi nach ihrem Kind.
„Nein, es tut mir leid, aber Nina ist nicht bei mir. Zuletzt habe ich sie heute Mittag gesehen, als sie aus der Schule kam“, bekam sie von Frau Jacobi zu hören.

     Simones Ärger wich langsam einer gewissen Unsicherheit. Sie ging zu Rainer ins Wohnzimmer, wo gerade die Nachrichten des Tages liefen. Da hörte sie ihren Mann murmeln: „Schon wieder ein kleine Mädchen ermordet! Gibt es eigentlich immer mehr Perverse auf der Welt?“
Simone war kreidebleich, als sie ihren Mann ansprach: „Rainer, keiner hat unsere Nina gesehen. Sie ist weder bei ihren Freundinnen, noch bei Frau Jacobi. Langsam mache ich mir Sorgen. Sollten wir nicht die Polizei einschalten?“
„Ich glaube, dafür ist es noch etwas zu früh. Hattest du mal in ihrem Zimmer nachgesehen, ob es da Hinweise gibt, wo sie sein könnte? Haben wir vielleicht einen Schultermin verpasst und sie ist jetzt allein dahin?“, versuchte Rainer die ganze Sache analytisch anzugehen.
Simone schüttelte den Kopf. Langsam beschlich auch Rainer ein ungutes Gefühl. Gemeinsam gingen sie in Ninas Zimmer. Auf den ersten Blick fanden sie nichts, was hätte Aufschluss geben können, aber dann entdeckte Simone Papierschnipsel auf dem Schreibtisch ihrer Tochter. Sie schob die Schnipsel vorsichtig beiseite und entdeckte ein Blatt Papier auf dem stand: „Falls ihr mal Zeit haben solltet, könnt ihr das Puzzle ja zusammensetzen, dann wisst ihr, wo ihr mich findet. Ich hab euch lieb! Nina“

     Betroffen sahen sich Rainer und Simone an. Vorsichtig sammelten sie die Schnipsel ein und nahmen sie mit ins Wohnzimmer. Während Simone Tesaband besorgte, sagte Rainer ihre Termine für den Abend wegen einer dringenden Familienangelegenheit ab. Sie setzten sich gemeinsam an den Wohnzimmertisch. Erst schweigend, dann diskutierend, letztendlich betroffen darüber, was sie für Rabeneltern in den Augen ihres Kindes waren.

     Und dies ergab das Puzzle:

„Liebe Mama, lieber Papa,

ich habe euch wirklich lieb. Ich finde die tollen Geschenke von euch ja auch ganz prima, aber was ich eigentlich von euch möchte, ist ein wenig mehr gemeinsame Zeit. Warum können wir nicht mal ins Freibad oder in den Zoo? Andere Familien tun das doch auch. Als ich noch kleiner war, ward ihr doch auch mehr für mich da. Habt ihr mich wirklich lieb oder bin ich nur noch eine Last für euch? Wenn ihr eine Antwort darauf gefunden habt, dann werdet ihr mich schon finden.

Nina“

     „Der Spielplatz am Kindergarten!“, riefen Simone und Rainer plötzlich gleichzeitig aus.
Es gab nur einen Moment, wo die beiden die Wohnung ähnlich schnell gemeinsam verließen und dies war, als vor neun Jahren bei Simone die Wehen einsetzten.
Der Plan der alten Frau Jacobi schien wirklich aufzugehen ...
    


Trallafitshi - das Frauenmagazin, Ausgabe 09/10/2010


                    Eine Liebe quer durchs Ruhrgebiet
   


erscheint demnächst    




    
    
      © Claire Ogro, Dezember 2010

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